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Darf ein Coach Partei ergreifen?


Eintrag vom: 29. 11. 2017

Wir brauchen Gelassenheit und Wertschätzung der anderen Sichtweisen

Martha Nussbaum

Als Coach geraten Sie möglicherweise in ein Dilemma: Sie möchten Ihren Klienten dabei behilflich sein, erfolgreicher zu werden. Wie entscheiden Sie sich jedoch, wenn der angestrebte »Erfolg« auf eine Weise definiert ist, die Sie nicht teilen? Oder wenn er Auswirkungen hat, die Sie ablehnen? Bitte lesen Sie zunächst den folgenden Text durch. Am Ende kommen wir auf das Dilemma zurück und stellen Ihnen zwei konkrete Fragen. In unserer komplexen Welt wird es zunehmend schwieriger, die Auswirkungen des eigenen Tuns oder Unterlassens wirklich zu verstehen (conscientia) und zu empfinden (sympatheia). Viele Personen in der Wirtschaft verhalten sich ethisch korrekt, wenn ihr direktes Blickfeld berücksichtigt wird.

Hierzu ein Beispiel: Die Entscheidung, dass in Südamerika der Umsatz von Milchersatzprodukten jährlich um acht Prozent gesteigert werden soll, ist in der nordamerikanischen Zentrale eines Nahrungsmittelkonzerns sicher »ethisch korrekt«, solange die beteiligten Personen den Fokus des eigenen Tuns klein ansetzen oder sich ausschließlich auf ihre Rolle begrenzen: »In meiner Rolle als Vertriebsstratege ist es nur meine Aufgabe, Absatzstrategien zu entwickeln, die den Zielen des Unternehmens dienen. Andere ›romantische‹ Überlegungen gehören nicht in diese Rolle«.

Wertung mit Gefühl und Überblick: Sobald jedoch die Folgen der Folgen erkannt, gewusst und gefühlt werden (conscientia, sympatheia), stehen wir vor der Frage, wer die Verantwortung übernimmt, wenn Kleinbauern hierdurch ihre Arbeit verlieren, Großgrundbesitzer reicher werden, die Kinder der Kleinbauern in der Folge gesundheitsschädlicher Arbeit zwischen chemisch verseuchten Pflanzen spielen, die Kinderprostitution sprunghaft zunimmt, viele Menschen verhungern, natürliche Ressourcen vernichtet werden. Dies ist das wirkliche Übel der globalen Moral oder Ethik: Kaum ein Mensch sieht, weiß und fühlt die Auswirkungen des eigenen Tuns und Unterlassens (oder wendet den Blick lieber davon ab). So verhält sich jeder angeblich ethisch korrekt und trotzdem werden Menschen, Tiere, Pflanzen und Welt vernichtet. Und niemand fühlt sich schuldig oder verantwortlich. Diese Zusammenhänge sind für einen Business-Coach keine weltfremde »Sozialromantik «. Sie haben ganz praktische Brisanz, wenn Führungspersonen in der Wirtschaft durch Coaching erfolgreicher werden möchten. Um welche Art von Erfolg geht es hier? Würden Sie zu dieser Frage folgende Sollensregeln einer Coachingethik akzeptieren – wenn auch in anderer Formulierung:

  • Erstens: Ein Coach sollte kein Diener eines unreflektierten und wertefreien weltweiten Konsumismus sein, der durch globale Industrienetze initiiert wird.
  • Zweitens: Doch gleichzeitig sollte er nicht als verkappter Umwelt- oder Menschenrechtsaktivist in der Wirtschaft auftreten und generell wirtschaftliches Handeln torpedieren.

Sowohl die Coachingbranche als auch jeder einzelne Coach müssen hier die Grundlagen ihres Handelns sehr klug überdenken und reflektieren. (Auszug aus Migge: Handbuch Business-Coaching, S. 49).

Hier können Sie solche Fragen diskutieren: In 30 regionalen Arbeits- und Intervisionsgruppen (“Peergruppen”) des Deutschen Facherbandes Coaching (DFC) haben Sie die Möglichkeit, solche und ähnliche ethischen Fragen in einem wertschätzenden Rahmen zu diskutieren. Außerdem können Sie dort ideologieunabhängig unterschiedliche Coachingmethoden kennenlernen und erproben sowie fachspezifische Coachingfragen diskutieren.


Auch politisches Zeitgeschehen kann im Rahmen von Coaching-Peergruppen oder Qualitätszirkeln thematisiert werden. Seit November 2017 ist Politik erneut ein aufgehitzes Thema in Deutschland und Coaches könnten durch ihre Haltung ein wenig dazu beitragen, dass Konfrontationen sachlicher und wertschätzender ausgetragen werden. Im Folgenden gebe ich (Björn Migge) Ihnen eine persönliche Stellungnahme, die beispielsweise Ausgangspunkt einer Diskussion sein könnte. Sie wird eingeleitet von einem Zitat des Philosophen Philipp Hübl:

Fürsorge, Fairness, Freiheit, Loyalität, Autorität und Reinheit – diese sechs Prinzipien bilden die emotionale Grundlage des politischen Denkens, das man mit der Rechts-links-Skala nicht darstellen kann. Sie sind empirisch gut belegt und heuristisch effizient: Mit wenigen Prinzipien kann man viel erklären. Eine Jamaica-Koalition etwa hätte die gesellschaftliche Spannung erhöht. Sie repräsentiert die Wohlhabenden und steht mehrheitlich für progressive Werte. Die Einkommensschwachen und die Traditionalisten würden sich angesichts eines solchen Eliten-Bündnisses noch mehr den Systemkritikern zuwenden. Daher ist es nicht nur für Analysten, sondern auch für Politiker an der Zeit, den politischen Kompass neu zu justieren.” (NZZ 29.11.17, Hübl)

Philipp Hübl

Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Philosophie an der Universität Stuttgart. 2015 ist sein Buch «Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten» erschienen. In dem Buch vertritt er meist die These, dass die Macht des Unbewussten eine Übertreibung sei. Es ist ein bisschen die Verteidigung der Philosophie gegen das große Aufgebot der modernen Psychologie und Hirnforschung. Viele “Konservative”, so deutet Hübl an, streben nach Autorität und Reinheit und ekeln sich vor Unreinheit. AfD-Wähler würden bei Unreinheit sogar wütend und entwickelten Hass (statt Ekel). Ihnen sei Loyalität sehr wichtig. Andere strebten mehr nach Freiheit und Entfaltung, andere eher nach Fürsorge und Versorgtwerden. Manche verstünden unter Fairness Umverteilung, andere Chancengleicheit, andere Befähigung. Allein die Begriffe der sechs Prinzipien, es sind auch “Werte” nimmt jeder Mensch ganz anders wahr und wertet sie verschieden.

Mehr emotionale Klugheit bitte: Es ist aber richtig, die Emotionen im politischen Denken viel mehr zu berücksichtigen, etwa wie die Philosophin Martha Nussbaum. Viele “Argumente” im Politischen sind eher emotionale Überzeugungen und werden kommunikativ oft mit (verdeckter) Wut, mit Hass u. a. ausgetragen (wenn auch vielfach in angeblich sachlicher Sprachverkleidung).

Wer ist schuldig? Ich finde es schade, dass in der politischen “Diskussion” nun alle den anderen Schuld geben und dabei zugespitzte Charakterangriffe gegen ihre vermeintlichen Gegner nutzen oder ihren Gegner Nähe zum Extremismus nahelegen. So wird “die FDP” plötzlich als Rechtsaußenpartei dargestellt oder als Freund des Raubtierkapitalismus, wobei sie aktuell für Bildungsreformen steht und ihre Wirtschaftsfreundlichkeit eher in Richtung des neuen innovativen Mittelstands zielt, einer Bürokratieentfesselung und einer Kontrolle von demokratiefeindlichen Wirtschaftsprozessen. Dabei sind oder waren CDU und SPD wiederum eigentlich traditionell Freunde der Wirtschaft und gar Großindustrie und langjährige Verteidiger und Subventionierer der Braunkohle (die einen eher aus gesamtwirtschaftlichen Gründen, die anderen eher wegen der Arbeitsplätze); was plötzlich übersehen wird. Wirtschaft wird einmal in den Himmel gelobt, dann wieder verteufelt. Oder es wird gegen angeblich völlig irrationale Ansichten der Grünen gewettert (die nun einmal eine große Vision haben). Es finden auch so viele Charakterangriffe statt, wobei aktuell der Chef der Freien Demokraten oft bewertet wird: Obwohl viele Christian Lindner nicht kennen, wissen so viele sehr genau, dass er angeblich total arrogant ist und über Leichen gehen würde und kein Herz habe. Es geht so schnell, sich ein Bild von einem Menschen zu machen, also ihn zu bewerten oder zu verurteilen, obwohl man ihn im Herzen überhaupt nicht kennt und nur selektiv “Fakten” gesammelt hat. Ich höre auch viele sehr böse Stimmen über die vielen extrem dicken Leute in der Politik. Wie sollen jene, die so mit sich umgehen, dieses Land regieren? Andere Wertungen sind frauenfeindlich, wenn es um weibliche Politikerinnen geht, die kräftig das Wort ergreifen. So viele Urteile, Verurteilungen, Schuldzuweisungen.

Ausgleich durch unterschiedliche Perspektiven und Schwerpunktsetzungen: Ich verstehe viele der gegensätzlichen Positionen und ich bin froh, dass die vielen Einzelinteressen ihre Fürsprecher haben und sich so viele Strömungen gegenseitig korrigieren. Ich glaube aber nicht, dass eine dieser Strömungen ausschließlich recht hat oder den besten Weg kennt und ich wünsche mir auch nicht, dass diese dann für alle bestimmt, dass wir ihrem Weg folgen müssen. Daher wird es hoffentlich weiterhin “Streit” um viele Sachthemen, Wertungen und Sichtweisen geben. Ich wünsche mir aber, dass das ohne fiese Zuspitzungen, Charakter-Assassination (jemanden als Mensch unmöglich machen) oder “Nazi-Nah-Keulen” geschieht. Gerade das Gezicke zwischen Grünen und FDP verstehe ich wenig, da beide mit der Mehrheit ihrer Mitglieder aus einem mittelständischen Wohlstandsmilieu mit meist hoher Bildung kommen; also gewissermaßen Eliten vertreten und nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Diese beiden Parteien sollten sich – nicht nur nach außen in der Mediendarstellung – sondern im Gespräch miteinander als wichtige Vertreter der Demokratie wertschätzen und sich nicht gegenseitig einerseits als “emotional kalt, wirtschaftsversessen, Mini-Trumps, Zweit-AfD und profitgeil” oder andererseits “irrational, ideologieverblendet, sozialistisch und fanatisch” in den sozialen Medien darstellen. So sehe ich – wenn Wut und Angst die Wertung nicht zu sehr blenden, diese Kontrahenten nicht. Und die Verurteilungen finde ich schädlich für uns alle.

Der “Feind” ist ganz woanders: Zum sind dies für “normale Menschen” undurchschaubare internationale Finanz- und Industrieverflechtungen, die eben nicht den freien Markt darstellen, sondern einen manipulierten globalen Markt. Dies kann nur ein geeintes Europa zügeln, nicht aber ein einzelner europäischer Nationalstaat. Und hier sehe ich FDP und die Grünen vielmehr Seite an Seite. Denn die Freiheit der Wirtschaft bedeutet nicht, sie zügel- oder rahmenlos zu lassen, sondern sie so zu zügeln, dass sie von der gewählten Demokratie gesteuert werden kann und frei ist für die Menschen, ihre Ideen, Bedürfnisse. Die beiden Parteien streiten lediglich darum, wie stark und mit welchen Mitteln der Staat dann diese wirklich freie Wirtschaft lenken sollte. Zum anderen ist der Feind eine Bewegung, die die demokratischen Spielregeln aushöhlen möchte und den Freiheitsschutz von Minderheiten gegenüber dem Staat. Die Zuspitzung der Streitereien zwischen FDP und Grünen ist nur eine Pointe im Gesamtspiel. Auch die “großen” Parteien und andere kleine spielen natürlich ein ähnliches Spiel.

Meine Reaktion: Mir persönlich tut das weh, wenn Menschen nicht wertschätzend miteinander reden. Damit komme ich wieder zu den Emotionen. Ich weiß aber auch, dass meine Gedanken kaum etwas im großen Spiel ändern werden. Es wird ähnlich weitergehen. Ich persönlich allerdings werde mich nun noch viel mehr bemühen, wertschätzend auf die Vertreter anderer Meinungen, Vorlieben, Strebungen, Emotionen zugehen, ihnen ernsthafter zuhören und den Austausch in der Sache vorziehen und nicht die böse verurteilende Rede wählen.

Nun die Fragen an Sie, wenn Sie mit anderen Coaches diskutieren möchen: Wo stimmen Sie zu, wo sehen Sie etwas anders? Wie gehen Sie mit der Situation vor und nach der Wahl  in Deutschland um? Was darf oder soll nun also der Coach machen? Jeden Auftrag von jedem annehmen? Partei für eine Einzelsichtweise ergreifen? Als Mediator auftreten? Sich professionell als Rolle von jeder Positionierung fernhalten und nur im Privaten “partei ergreifen”? Ich wünsche Ihnen einen wertschätzenden und spannenden Austausch!

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